
J hat eine lange Liste mit Lieblings Whisky. Heute werden zwei davon vorgestellt, weil sie sehr speziell sind und Erinnerungen wachrufen.
Hier geht es um Kindheit, um Gefühl, um Vergangenheit - Dinge, die mit Worten nur schwer zu erklären sind. Wir sind tief im Bauchbereich und wir sprechen von Liebe und Seele...

Nummer 1 ist eine alte Liebe von J. Viel ist geschrieben und gesagt worden über diesen Whisky. J kümmert das nicht. Dieser Whisky ist wie der Elektrotrafo der Spielzeugeisenbahn, die J oft an schulfreien verregneten Tagen aufgebaut hat. Wenn die Kontakte unter Strom gesetzt wurden roch es nach Schmieröl, nach Metall und nach elektrischer Spannung. In diesem Whisky riecht man förmlich die unter Strom stehenden Kupferspulen. Doch nicht alles kann die Nase wiedergeben. Vieles macht das - mit den Gerüchen verbundene - Gefühl aus.
Alles ist wieder wie in diesen Sommern, als die Reiter auf ihren verschwitzten Pferden zum Stall zurückkamen. Wenn die Sättel abgenommen wurden roch man das feuchte Leder und dieser Geruch vermischte sich mit dem der Getreidefelder ringsum.
Es ist ein Ardbeg. Einer von Douglas Laing. Abgefüllt in 702 Flaschen, mit der üblichen Stärke von 50%. Destilliert wurde dieser Malt 1975, 25 Jahre später – 2000 – kam er in die Flaschen. Immer kurz bevor J vergisst wer er ist und woher er kommt, nimmt er eine Nase voll von diesem Whisky.
Und das Leben hat ihn wieder.

Nummer 2 ist eine dunkle Sherry Bombe. J hat sofort Bilder vom alten Holzofen, den weihnachtlichen Rumzwetschken und von Weihnachtsbäckerei im Sinn.
Wie war das damals, als der heiße Ofen fast geglüht hat und man von draußen mit Schnee auf den Schuhen in die warme Stube kam. Sofort gab es Tee, der nach Orangen und dunklem Rohrzucker schmeckte - mit Keksen, die man wunderbar eintauchen konnte darin. Die Wangen wurden leuchtend rot und es kribbelte in den Fingern und Zehen, die sich langsam wieder erwärmten.
Der Whisky, welcher in J diese Erinnerungen weckt ist ein Strathisla 1955. Einer von 148 abgefüllten Flaschen. Fassstärke, 59,2% aus dem Fass mit der Nummer 407. Abgefüllt 2003 von Gordon & Macphail für die Private Collection.
Vielleicht hat schon jemand Whisky aus einem Sherryfass getrunken, der vielleicht sogar noch eine Spur besser war. Für J gilt in diesem Fall: Whisky ist Erinnerung und niemand kann persönliche Erinnerung beurteilen. Es sei denn, es ist die Eigene.
13. Mai, 2006