
Dubai. Abseits von bekannten und ausgetrampelten Touristenpfaden. Dubai ganz leise.
L a n g s a m. Ein Dubai, das man nur erleben kann, nachdem man dem Gold-, Textil- und Elektronik-Souk widerstehen konnte und ohne zu schwächeln auch den neuen Hotels den Rücken kehrt. Mitsamt dem internationalen Frühstück. Wer diesen Versuch nicht wagt wird zurückkommen und glauben, Dubai hinter einer Glasscheibe erlebt zu haben. Klimatisiert, sauber und künstlich wohlriechend. So wie einen Kinobesuch, der in Dubai übrigens mit englischsprachigen Filmen, Lautstärken nahe dem Hörsturz und Gästen, die unentwegt kommen und gehen und dabei ohne Unterbrechung telefonieren, zelebriert werden kann. Inklusive Planet Hollywood in der Vorhalle. Daneben Gold zum Kilopreis, 18 Karat Minimum.
Spätestes jetzt blendet J aus, da er die unbekannten Seiten dieser Stadt liebt wie auch den Whisky, um den es sich heute dreht. In engen, kleinen, mit Baldachinen überspannten Häuserschluchten locken winzige Läden mit exotischen Früchten, wobei sich der Geruch von Zitrusfrüchten und Ananas speziell einprägt. Kurz bevor man dem betörenden Duft der Obstläden nachgibt und die zwei Stufen in eines der Geschäfte empor steigt, ist es für einen ganz kurzen Moment so, als ob der Gewürzmarkt eine Grußbotschaft senden würde mittels zartem Muskataroma. Dann, im Obstladen, fühlt man sich wie nach einer gewaltigen Früchteexplosion, die ständig verstärkt wird durch das unablässige Zerschneiden der frischesten Sorten - zur Präsentation und als Kostprobe für die treuen Kunden.
Die Zeit ist nun richtig, um ein wenig von der langsam untergehenden Sonne zu genießen. Der Creek, der Dubai in zwei Hälften teilt, kann dazu mit einem traditionellen Abra – einem Wassertaxi – befahren werden. Schnell verschwinden die paar Münzen in der Tasche des Fährmannes und noch schneller ist man bereits mitten auf dem Wasser. Die leicht salzhältige Luft regt dazu an, die vorher im Gewürz-Souk erworbenen Süßigkeiten zu vernaschen. Der wunderbare Karamellduft vermählt sich nun angenehm mit der Meeresluft, während man herausfindet, dass der Zitronengeruch, den man bereits beim Besteigen der Fähre wahrgenommen hatte, vom süßen Tee des Bootsführers stammt.
Glen Grant von Berrys’ Own Selection (Berry Bro’s & Rudd), 1970 – 1999, 29 Jahre und 43%. Genauso trocken wie dieser Satz ist die unvermeidliche Rückkehr in das moderne Dubai. Am nächsten Morgen wird J. kurz vor Sonnenaufgang geweckt, um seinen Flug nicht zu versäumen. Das internationale Frühstück steht bereit und eine halbe Stunde später sieht er noch einmal jene Leute, die in Dubai all die Arbeit verrichten. Gastarbeiter aus Indien, Pakistan, Bangladesch und den Philippinen. Dubai besteht zu 85% aus diesen Gastarbeitern. J sieht sie hinter einer dicken Glasscheibe und die Welt ist wieder klimatisiert, sauber und künstlich wohlriechend.
16. Juni, 2006