
Es ist nicht unbedingt so, dass wir in Wien nix zu feiern hätten. Eigentlich werden so ziemlich alle Gelegenheiten dazu benutzt, im Kreise der Freunde neuen Whisky zu probieren. Diesmal hatten Walter und Pepi ihre Geburtstage zu zelebrieren, als perfekter Ort für dieses Stelldichein wurde natürlich das Potstill in Wien gewählt. Für kulinarische Höhen war durch allerlei Leckerbissen und Fassbier bestens gesorgt, Whisky war auch ein wenig vorhanden und für die Einlage des Abends sorgte ein Herr, den wir aus Anstand nicht beim Namen nennen werden. Dazu später. Aus Gründen des zeitweise aussetzenden Erinnerungsvermögens werden wir versuchen, den Hergang chronologisch darzubieten, haben Sie bitte Verständnis für diverse zeitliche Lücken.
17:00 – Auf zwei ausrangierten Whiskyfässern wird die Platte mit der in Wien sprichwörtlichen ‚Unterlage’ präsentiert, also die Speisen zur Eindämmung der sonst später folgenden Alkoholvergiftung.
17:30 – Das bestens gekühlte Fassbier wird angezapft und das schäumende Ereignis beginnt. Langsam füllt sich der Verkaufsraum, die bekannten Gesichter sind eh schon länger da…
18:00 – Das große Fressen beginnt, die Sachen sind ja auch wirklich vom Allerfeinsten. So hat sich Walter mit seinen Kreationen vieler in ihrer kleinsten möglichen Form zusammengeführten unterschiedlichen frischesten Zutaten unter Beigabe diverser Bindemittel (also Aufstriche…) wiederholt selbst übertroffen. Pepi konnte es nicht lassen und hat am Naschmarkt exakt 1.280 Gramm des besten Käses – aufgeteilt auf 5 verschiedene Sorten – beigesteuert. Frisches Brot, Speck, Oliven, Olivenöl, Zwiebel, Schnittlauch und Kren sorgen dafür, dass nicht einmal der Gedanke an eine nachfolgende Whiskybewertung aufkommt, so wie es sich halt gehört an einem verregneten Freitag Abend!
18:30 – Bier ist leer, zumindest das erste Fass, also schallt die Potstill-Glocke und der Ruf „AAANZAAAPFT ISSS’ !!!“ durchs gesamte Lokal und über die Straße.
19:00 – Der oben erwähnte Herr, dessen Namen wir aus Gründen der Pietät wirklich nicht nennen werden, trifft ein. Gemessen an Bewertungsnoten für Whisky haben wir zu diesem Zeitpunkt eine objektiv gemessene Lustigkeit von glatten 80 Punkten im Potstill erreicht, also durchaus schon kaufbar, oder so.
20:00 – 90 Whiskypunkte für die Stimmung, wir sind in die Höhen der Unterhaltungstauglichkeit eingetaucht, die ersten Zigarren werden gezündet, eine Whiskyflasche nach der anderen wird von Clubmitgliedern, Logenbrüdern- und Schwestern sowie Gästen ‚aufgrissen’ (in Wien für öffnen, Verzeihung), Neuankömmlinge sind bald nimmer sichtbar im ersten Moment.
20:30 – Das Potstill steht in der Strozzigasse. Durch die Strozzigasse fährt ein öffentlicher Autobus der Wiener Linien, der 13A. Dieser war durch sein unerhörtes periodisches Auftauchen schon immer der erklärte Feind des Herrn ohne Namen (Sie wissen, Pietät). Auch diesen Abend wackeln ca. alle 10-15 Minuten die Glasln und Flaschln, unser ‚Busfeind Nr. 1’ nimmt dies mit immer grimmiger werdender Miene und lautem Geschrei zur Kenntnis. Die Lustigkeitstabelle zeigt den langjährig bekannten Verkostungsdurchschnitt von 93 Punkten an, kann das diesmal wieder gesteigert werden?
21:00 – Laut tobend wechselt der Herr ohne Namen seinen Standplatz und begibt sich zum Eingang, offensichtlich um den Schmerz beim Erscheinen des Linienbusses in allen Facetten spüren zu können. Wir sind bei 95 whiskytauglichen Unterhaltungspunkten, den Namen oder gar Fotos des Busfeindes werden wir in keinem Fall veröffentlichen.
22:00 – Schweißperlen stehen auf der Stirne des gedanklichen 13A–Vernichters, tiefe schwarze Augenringe zeugen von Spuren des Wahnsinns, der Blick ist starr und fixiert, ansatzlos dringen herzzerreißende Schreie aus seiner angespannten Brust. Wie lange wird man ihn noch zurück halten können? Bald wird der letzte Bus des Abends vorbeirauschen und es wird etwas geschehen, wenn man den Wortfetzen des Mannes ohne Namen Glauben schenken darf. Wir haben 100 Punkte auf unserer Unterhaltungsskala, dies ist nicht mehr zu überbieten!!!
22:30 – Ohne Vorwarnung läuft plötzlich alles wie ein Film in Zeitlupe ab. Unser ‚Busfeind Nr. 1’ hört - scheinbar nur noch mit seinem geschundenen Unterbewußtsein - den letzten Linienbus des Abends. Etwas wie der Todesschrei eines an Land gespülten Pottwals löst sich aus seiner Kehle, in der verkrampften Hand hält er eine kalte, ungeöffnete Bierdose. Mit einem einzigen Riesensatz überspringt er die zwei Stufen zum Potstill und den gesamten Gehsteig und kommt nur wenige Zentimeter vor der Straße zum Stillstand, wo der verhasste Bus gerade herandonnert. Für einen kurzen Moment ist er umhüllt von gleißendem Scheinwerferlicht, als er den Kopf laut schreiend zurück wirft und ansatzlos die noch verschlossene Bierdose mit gewaltiger Wucht auf seiner Stirne zerplatzen lässt. Hätte es nicht bereits geregnet, wäre der Busfahrer zweifelsohne zur augenblicklichen Einschaltung seiner Scheibenwischer gezwungen gewesen.
22:31 – Laut den später erhaltenen Informationen war eine Seniorengruppe des sozialistischen Vereins zur Rettung des Sparbuches des kleinen Mannes - auf Einladung der BAWAG - gerade vom Hirschenwirten in Laa an der Thaya kommend auf dem Rückweg von einer so genannten Heizdeckenfahrt. Der gelbe gemietete Autobus wurde von einem redlichen braven Mann gesteuert, der bis zu diesem Tage schon allerhand gesehen hatte in seinem Leben. Dies jedoch übertraf seine kühnsten Träume bei weitem, seine weit aufgerissenen Augen und die ungläubige Mimik seines Gesichtes sprachen Bände, selbst Stunden später. Die bis dahin noch nicht eingeschlafenen Pensionisten hatten für kurze Zeit leicht erhöhten Blutdruck und einen ziemlich beschleunigten Puls, was sich jedoch aufgrund der Müdigkeit der Gruppe schnell wieder normalisierte.
22:32 – Auch die volkswirtschaftlichen Kennzahlen des achten Wiener Gemeindebezirkes blieben an diesem Abend unverändert, es konnte kein Personen- oder Sachschaden festgestellt werden.
02:34 des nächsten Tages – Die Tore zu den heiligen Hallen des Whiskygenusses werden für diese Nacht geschlossen.
6. Juni, 2006