
Um es kurz zu machen: Das perfekte Glas für Whisky gibt es nicht. Realisten werden meinen, dass nichts auf Erden je perfekt sein kann und sie mögen damit recht haben. Für uns ist das zu trübsinnig, ausserdem werden Realisten nie zu den wirklich guten Partys eingeladen. Neben den unzähligen Faktoren, die Einfluss auf den Geruch und den Geschmack des ausgewählten Malts im Glase haben, wird eine Sache immer unterschätzt: Ihr Wohnort. Wir haben bei unseren weltweiten Versuchen Leben und Leber riskiert und dabei festgestellt, dass Whisky nur einen Hauch davon entfernt ist, Mitgefühl zu entwickeln - er hat fast schon Seele.
Whisky nimmt sich das Recht heraus, sich einfach im Glas zu verändern. Unterschiedlich sind die Formen dieser Veränderungen – von kaum merkbar bis hin zur völligen Drehung aller merkbaren Komponenten. Das hat natürlich mit Oxidation zu tun, mit Alter, Alkoholstärke, Jahreszeit, Wetter, Luftfeuchtigkeit und einigen anderen Ursachen. Wir gehen sogar soweit zu behaupten, dass ein und derselbe Whisky – geöffnet in unterschiedlichen Klimazonen – ein deutlich unterschiedliches Ergebnis bei Verkostungen erzielt. Was hat das mit der Glaswahl zu tun?
Nun, ganz einfach: Wenn das ideale Glas für einen Port Ellen 1978-2002 (57,9%, Douglas Laing für 'The Whisky Shop') in Mitteleuropa ein großer Cognacschwenker ist, kann das für Nordafrika bei wesentlich höherer Verdunstungsaufnahme der Luft in keinem Fall gelten, hier würde sich ein ‚Standard Nosing Glass’ zweifelsohne besser eignen. In Brasiliens Regenwald hingegen hat man zusätzlich noch relativ wenig Zeit, diesen Whisky zu genießen.
Genug Beweggründe, die Unterschiede von Luftfeuchtigkeit im Verhältnis zur Temperatur anhand von (extremen) Beispielen zu erklären: In sehr heißen und trockenen Gebieten saugt Ihnen die Luft förmlich den Whisky aus dem Glas, also empfiehlt es sich dort, ein Whiskyglas mit nicht zu großem Durchmesser zu wählen. Wenn nun Temperatur und Luftfeuchtigkeit sehr hoch liegen, so verdunstet Alkohol noch wesentlich schneller als üblich im Verhältnis zum Wasser im Whisky, hier ist also der Faktor Zeit neben dem Glas ein erheblicher Faktor. Umgekehrt finden wir in unseren Breiten sehr oft ein rasches Ansteigen der Luftfeuchtigkeit bis zu einer Sättigung von 100%, sodass sich die mögliche Glaswahl durch einen Platzregen rasch verändern kann. Wir haben somit weitere Ansatzpunkte gefunden, die eine absolut objektive Bewertung von Whisky erschweren (siehe auch unseren Bericht ‚Unerwünschtes Kollektivverhalten’).

Für uns sind - nach Versuchen auf verschiedenen Kontinenten und Klimazonen - zwei Gläser übrig geblieben, die wir immer im Gepäck haben und die den gewünschten Anforderungen am ehesten entsprechen: Das ‚Standard Nosing Glass’ und der geliebte ‚Cognac Schwenker’. Alle anderen Formen (verschiedene Weingläser, Riedel Whisky Gläser, Whiskygläser mit und ohne Deckel) haben uns nicht überzeugt.
Wiederholt daher unser Aufruf, das Bewerten von Whisky – wenn überhaupt - mit der nötigen Portion Freude und Spaß anzugehen. Wir haben festgestellt, dass es aufgrund der Fakten nahezu unmöglich ist, objektive Bewertungen durchzuführen. Nehmen wir an, der größte südamerikanische Whiskysammler - ein Brasilianer aus São Paulo - bewertet den gleichen Whisky wie ein holländischer Ardbeg-Sammler, beide verwenden das gleiche Glas, beide halten sich an die zehn von uns genannten Punkte (siehe: ‚Unerwünschtes Kollektivverhalten’), trotzdem sind die Ergebnisse aufgrund der Gegebenheiten komplett unterschiedlich – wer hat nun Recht? Beide, natürlich!
Geben wir jedem Whiskyfreund – ob Profi oder Anfänger – die Chance, seinen geliebten Malt im richtigen Glas anhand der persönlichen Geschichte und der vorhandenen Erinnerungen zu suchen und auch zu finden. Wir haben nicht das Recht, Suchende zu ermahnen. Niemand hat das Recht. Das klingt zwar relativ einfach, die Umsetzung in die Realität jedoch ist schwierig. Immer wird es Dummköpfe geben, die Herren über andere sein wollen, ihnen sagen werden, was zu tun ist, was gekostet wird, was zu mögen ist und was nicht gekostet werden darf. Liebe Whisky-Welt, dreh' allen Besserwissern da draußen den Rücken zu und erspare Dir eine Menge Unsinn!
04. Juni, 2006