
Endlos sind die Geschichten, die J beim bedächtigen Genuss von diesem Whisky in den Sinn kommen. Es sind Erinnerungen, die ein bestimmtes Gefühl wecken, das man in dieser hektischen Zeit nur noch viel zu selten wahrnimmt. Dieses Gefühl von Ruhe, kompletter Entspannung und völliger Gleichgültigkeit über das Morgen. Weil es gerade jetzt gut ist, wie es ist. Manchmal hat man es noch im Urlaub, allerdings erst, nachdem man sich 10 Tage oder länger an diesen unerträglichen Gedanken gewöhnen musste, nichts tun zu müssen. J hat für sich beschlossen, dieses Gefühl öfter zu genießen, um es nur ja nicht zu vergessen.

Auch dieser Whisky lässt J’s Gedanken weit in die Vergangenheit schweifen. Damals, in jenem kleinen Dorf, wo J die Sommertage verbrachte als Kind, da wurde alles noch mit Holz, Kohle oder jedem anderen verfügbaren Brennmaterial geheizt. Auch im Sommer lag der vertraute Geruch aus den alten Küchenöfen in der Luft, und wenn die hübsche Maria die Türe zum kleinen Schuhgeschäft ihrer Eltern öffnete, so mischte sich der Rauch mit dem zarten Duft von frischem Leder. Etwas weiter stand der mürrische alte Bäcker vor seinem Haus, wunderbar waren seine Biskuitrouladen, die kleinen Pfirsichtorten, der Apfelkuchen und das knusprige Bauernbrot, das so herrlich nach Anis roch.
Am Nachmittag dann, wenn die Kinder schon müde waren vom Tage, konnte man in dem kleinen Cafe auf der anderen Seite des Platzes einen schwarzen Tee mit Bergamotte-Aroma oder einen frischen Kaffee trinken, dessen Röstaromen noch bis lange in die Nacht hinein in der Luft hingen.

Später am Abend wurde oft noch ein Feuer angezündet, draußen. Während die Alten ihren Apfelkorn tranken und dazu Speck, Gurkenscheiben und frisches Weißbrot aßen, spielten alle Kinder wie bereits viele Generationen vor ihnen am offenen Feuer. Alles wurde gebraten, von Apfelscheiben bis hin zu ganzen geschälten und gezuckerten Orangen und Resten des Kuchens vom Mittag. Sehr spät, wenn die Runde dann langsam ruhiger wurde und das Knistern des Feuers sich mit den immer leiser werdenden Worten der Anwesenden vermischte, da waren viele der Kleinen bereits eingeschlafen. Die Luft jedoch, diese Luft, sie schmeckte noch lange nach leichtem Rauch und den Resten des gebratenen Kuchens und den karamellisierten Obststücken.

Nicht stark an Alkohol ist dieser Malt, stark jedoch an Erinnerungen. Es ist ein Ardbeg 1975, direkt aus der Destillerie. Abgefüllt wurde er bereits 1999, mit 43%. Gerne nimmt J diesen Ardbeg am Nachmittag, dazu einen heißen Earl Grey mit Milch und ein Gurkensandwich. Auch etwas Shortbread und Apfelscheiben liegen bereit und für einen Moment ist J auf diesem kleinen Platz, wo Maria gerade wieder die Türe des Schuhgeschäftes öffnet…
1. Juni, 2006