
Das Whiskyverkosten ist zu einer ernsten Sache geworden. Kollektive Verhaltensmechanismen, wie sie in der Whiskyclub-Szene gang und gäbe sind, schrecken manchmal Menschen, die keine 'Experten' sind davon ab, ihre Meinung zu äußern und/oder tiefer in dieses wunderbare Hobby einzutauchen. Viel davon hat mit dem Bewerten und Benoten von Whisky zu tun. In der Regel haben wir uns gegen diese Praktik ausgesprochen. Doch weil uns so viele Leute in letzter Zeit darauf angesprochen haben, präsentieren wir im Folgenden unsere Empfehlungen, für den Fall, dass Sie wirklich professionell verkosten wollen.
Wer die Qualität von Whisky bewerten will ist angewiesen auf Grundlagen, die diese Bewertung erst möglich machen. Dabei unterscheidet man zwischen subjektiven und objektiven Kriterien. Somit ist – zumindest bei den objektiven Kriterien – ein gewisses Grundwissen Voraussetzung. Eine andere Möglichkeit ist die rein subjektive Einstufung, die ja in der Regel bei 90% aller bewertenden Personen weltweit Anwendung findet. Wie bitte, das glauben Sie nicht? Na, dann lassen Sie sich doch auf ein kleines Abenteuer ein!
Anbei erlauben wir uns, alle unbedingt erforderlichen Punkte für eine objektive Bewertung aufzuführen und zu erläutern:
01. Fachwissen
02. Verdecken der Whiskyproben
03. Alleine verkosten oder schriftlich
04. Glaswahl
05. Absolute Rauchfreiheit
06. Eingenommene Speisen
07. Tageszeit
08. Stimmung
09. Übung durch Wiederholungen
10. Mehrere Meinungen
01. Fachwissen
Logisch, das genaue Erkennen der Unterschiede wäre wichtig, um eine gewisse Objektivität zu gewährleisten. Wie sieht es mit dem einwandfreien Erkennen von Fehltönen aus, beginnend mit Korknuancen bis hin zum eindeutigen Korkfehler? Handelt es sich um einen kleinen, liebenswerten Fassfehler oder um eine echt schlechte Abfüllung? Sind mehrere Geruchskomponenten vorhanden, die in Ihrer Kombination das Ergebnis verbessern oder gar verschlechtern? Gibt man dem Destillat die richtige Zeit zur Entfaltung, prüft man durchgehend?
02. Verdecken der Whiskyproben
Das offene Verkosten, also das Verkosten im Wissen um den genauen Inhalt, löst immer unbewusst die Erinnerung an frühere Abfüllungen und die generelle Beschaffenheit der Destillerie aus. Daher gilt immer: nur die Blindverkostung gibt einem den wichtigen Baustein der Objektivität, der für das Gesamtergebnis benötigt wird. Das bedeutet jedoch auch, dass Helfer benötigt werden. J und O lösen das wie folgt: jeder zu verkostende Whisky ist in einem speziellen Regal. J schenkt O den Whisky ein und nummeriert ihn, ebenso findet das Spiel in umgekehrter Reihenfolge statt, der jeweils andere verlässt den Raum. Da das Regal immer mit unzähligen Flaschen und Whiskyproben gefüllt ist, weiß der andere nie, was er im Glase hat.
03. Alleine verkosten oder schriftlich
Jede Äußerung einer anwesenden Person über den Inhalt des Glases ändert die Wahrnehmung aller Anwesenden augenblicklich. Somit ist objektives Testen nur alleine oder - in der Runde - in schriftlicher Form möglich.
04. Glaswahl
Sollten bei der Verkostung mehrere Personen anwesend sein, so ist darauf zu achten, dass eine einheitliche Glaswahl stattfindet. Vom Tausch der Gläser unter allen Anwesenden ist bei ernst zu nehmenden Verkostungen dringend abzuraten, da jeder Tester seine individuellen Noten hinterlässt, die - zumindest für geübte Nasen - die Qualität drastisch verändern.
05. Absolute Rauchfreiheit
Jede Art von Rauch ist zu unterlassen, wenn möglich bereits Tage vor dem Tasting. Jegliche – ohne Rauch evtl. noch vorhandene – Objektivität geht völlig verloren durch Zigaretten, Zigarren und anderes Rauchwerk.
06. Eingenommene Speisen
Gewürze, Knoblauch, Zwiebel und alle anderen – im Mundraum Spuren hinterlassende – Speisen verändern das Gesamtbild erheblich.
07. Tageszeit
Aus oben genannten Gründen ist bis zum Abend einfach schon so viel passiert, dass wir den späten Vormittag - nach einem leichten und neutralen Frühstück - vorziehen.
08. Stimmung
Es hat wenig Sinn, am Scheidungstag oder nach dem Jobverlust eine objektive Bewertung schreiben zu wollen. Ebenso ist die wunderschöne Zeit der Kirschblüte der denkbar ungünstigste Moment für einen Pollenallergiker, sich seinem Whisky zu nähern.
09. Übung durch Wiederholungen
Jede nur einmalig durchgeführte Verkostung bedeutet - nichts. Bewerten Sie jeden Whisky – nach oben genannter Methode - bis zu drei Mal. Die Ergebnisse werden Sie überraschen…
10. Mehrere Meinungen
Wirklich objektiv ist eine Bewertung erst dann, wenn oben angeführte Abläufe von möglichst vielen Personen unabhängig voneinander durchgeführt werden, am besten in unterschiedlichen Ländern und Erdteilen.

Aufgrund der genannten Voraussetzungen ist es nun wohl sehr unglaubwürdig, bei bis dato bekannten Bewertungsnoten von Objektivität sprechen zu wollen. Dazu kommt die Überzeugung diverser Verkoster über ihre - oft viel zu hoch eingeschätzten - eigenen Fähigkeiten. Spätestens jetzt stellt sich die Frage, ob Sie weiterhin von subjektiven Momentaufnahmen anderer abhängig sein wollen. Häufig wird bei all dem nämlich wieder einmal der wichtigste Faktor vergessen: die Freude. Damit - und mit einer gewissen Portion Selbstständigkeit - kann man sich oben genannte Ausführungen oft ersparen, einfach weil’s schmeckt. Außerdem wird jeder, der die perfekte und objektive Bewertung anstrebt, sich eines Tages die Sinnfrage stellen: „Tu ich das eigentlich noch für
mich und
mein Vergnügen?“
30 Mai, 2006