
„Du, die haben echt keinen Whisky hier.“
Vereinzelte Tropfen verirren sich aus regenschweren Himmeln in das fahle Antlitz des weit
gereisten Österreichers. Der Schock der Realisierung setzt ein wie ein Zuckerschub. Irgendwo
mäht ein Schaf.
Die erste Distillery, die nach tausenden Jahren auf Islay eröffnet wird – mit dem klingenden
Namen Kilchoman – und kein Tropfen Whisky weit und breit. Hunderte Leute, Merchandising
wie ein Disney-Film, Musik und Führungen durch halbfertige Hallen, Distillery-Restaurant,
aber kein Dram in Sicht. Einzig der Retter des Festes, Prof. Schobert, zapft seine Inselbiere
und hilft die Trockenheit zu lindern.

Natürlich überkommt es uns nach einiger Zeit. Dieses gewisse Bedürfnis. Da wir schon einige Zeit auf Islay unterwegs waren, ist das Auto voller Köstlichkeiten. Alles original verpackt, Festivalabfüllungen und andere Raritäten. Wie Lämmer starren uns die Flaschen mit treuherzigen Augen entgegen, so dass es schwer wird, eines zur Schlachtung auszusuchen.
Eine Flasche Springbank - die 8jährige Society-Abfüllung von diesem Jahr - muss daran glauben. Wir werden nicht enttäuscht. Kurz denken wir zurück an die vergangenen Tage, während das ungenierte Öffnen des Whiskykorkens vor den Augen anderer Durstiger ebensolche in Trauben anlockt.

Wir hatten unsere schottische Kurztour anlässlich des Islay Festivals in Edinburgh begonnen, wo wir zunächst Gastronomie, dann Whiskyshops und gegnerische Touristen verunsicherten. Aus einem Bier wurden mehrere, doch wir erreichten die Fähre nach Arran am nächsten Tag ohne Probleme. Dort trafen wir auf Jaclyn Kelly von Arran Distillers, die netterweise extra wegen uns aus Stirling angereist war, um uns Arran, den Whisky und Gordon Mitchell, den
Master Distiller vorzustellen.
Teil dieser Inselreise war auch ein Besuch im Lochranza Hotel, dessen Besitzer George über eine stattliche Whiskysammlung verfügt. Der hier gekostete Strathisla aus dem Jahre 1955 sollte zum besten Whisky der Reise werden. Am nächsten Tag glitt der Regen in Salzburger Schnüren zu Boden und wir schwammen durch zahllose Furten auf einspurigen Strassen nach Campbeltown.

Dort erwartete uns Kate Wright von Springbank und ließ uns tief hinter die Kulissen des Betriebes schauen. Viele Missverständnisse wurden aus den Nebeln der Geschichten geholt, wie etwa die ultramoderne Computersteuerung der Maischemenge (ein Stock mit zwei Markierungen) oder die organisch bedingten unterschiedlichen Füllstände bei manchen Flaschen (Kevin). Angesichts der Tatsache, dass die Whiskyproduktion zu 90% aus Schaufeln besteht, verliehen wir dem Whisky den Beinamen Springshovel. Mit der Fähre setzten wir schließlich über nach Islay. Wir waren im Harbour Inn stationiert, das uns kaum ins Verzücken brachte. Tags darauf besuchten wir David Graham vom Ballygrant Inn, der auf der ganzen Insel und den Fähren Poster aufgehängt hatte, um seinen Black Bowmore zu bewerben, den man bei ihm dramweise (zum Vorzugspreis von etwa € 260 für 3,5cl) verkosten konnte. Als wir ihn besuchten, hatte er zwar noch kein Dram verkauft, aber Busladungen von Japanern hatten sich bereits mit der Flasche fotografieren lassen und so ganz nebenbei Küche und Keller zugesprochen. David wirkte zufrieden.

Frische Austern, Kildalton und Ardnave rundeten den Tag ab, die anderen, nicht unbekannten Anlaufstellen brauchen wir hier wohl nicht zu nennen. Die aus einer Laune heraus im letzten Jahr gedanklich erworbene Caol Ila Distillery verkauften wir an einen verwirrten Autostopper „frromm Tschörrmännie!“. Nie hat ein Germane angesichts der Fahrweise zweier vermeintlicher Schotten mehr gezittert als an diesem Tage.
Und schon strecken sich die ersten gierigen Hände aus nach unserem Springshovel, es erinnert an Night of the Living Dead, und bald beschließen wir die whiskylose Distillery zu verlassen. Am Abend gesellt sich Luc Timmermans und Kampftruppe zu uns am Hafen von Bowmore und gemeinsam erwarten wir einen kitschigen Sonnenuntergang. Dieser fällt etwas enttäuschend aus, so dass es an Luc “The Finder“ ist, unseren trockenen Tag mit einigen ausgezeichneten
Drams glücklich ausklingen zu lassen. Am nächsten Tag müssen wir beim ersten Schafsblöken aufstehen und uns zurück gen Osten wenden, Richtung der großen Desaster der schottischen Geschichte: Glencoe, Edradour und Culloden.

Die Trockenzeit ist überwunden, Islay und seine whiskylosen Destillen hinter uns und wir steuern auf die großen historischen Tiefpunkte Schottlands zu, Glencoe, Edradour und Culloden. Die Islay Whiskys in unserem Kofferraum murren in Unmut, was wahrscheinlich das Erkennen der eigenen Vergänglichkeit ist. Das Festland hat uns wieder und droht weg zu schwimmen. Die erste Station ist Oban. Die Distillery dort wird für uns das, was für viele Touristen in Wien der McDonalds in der Singerstrasse ist. Stil ist alles. Oban selbst ist mehr ein Tweedshop als ein Hafen. Vor einiger Zeit dürfte sich hier die traurige Tatsache herumgesprochen haben, dass mit Bonnie Prince Charlie Schlüsselanhängern und William Wallace Kilts mehr Geld zu machen ist als mit Fisch oder Whisky. Wie das einstige königliche Gütesiegel von Queen Victoria den Ausflugshafen beschrieb: „one of the finest spots we have seen“. Indeed.
Bald darauf sind wir in Glencoe. Auch hier Souvenirs vom Massaker, offizielle Massaker T-Shirts und Kaffeehäferln. Von der Aussichtsplattform des Visitor Centre bietet sich ein herrlicher Blick auf die nahe Schnellstrasse. Vorankündigungen für eine Aufführung von „Lord of the Dance“ zeugen von den Massakern der Gegenwart. Irgendwie fühlen wir uns beengt.

Wir verspüren das Bedürfnis nach der unberührten Weite eines engen, menschenleeren Tales. Unweit von Glencoe finden wir genau das. Einen wilden Bach, grüne, steile Hügel rundherum, vereinzelte Schafe und meditative Ruhe. Ein Ort zum Kraft tanken. Zum Durchatmen. Wie das Tal heißt? Ein erfolgreicher Schwammerlsucher verrät niemals seine Plätze. Nennen wir es „Glen Doe“. Denn wer weiß, was aus diesem herrlich einschichtigen Tal wird, wenn wir hier näher beschreiben. Postkartenstände, Wimpy’s-Filialen, Nessy-Themenparks. Aber keine Angst. Man braucht nicht weit zu fahren in Schottland, um Ruhe und Menschenleere zu finden. Die Regel lautet generell: „Nach dem zehnten Schaf links abbiegen und solange fahren, bis die Strasse aufhört.“

Energetisiert verlassen wir „Glen Doe“ in Richtung Inverness. Es wird schon langsam finster. Wir suchen nach einer Unterkunft mit Steak (ein B & S) und Whiskybar. Die Unvorsichtigkeit von Generationen von Whisky-Newsletter Schreiberlingen holt uns ein. Kein Loch frei weit und breit. Pittoreske Feriendörfer ziehen vorbei, immer wieder dieses verneinende Gesicht, das wir von Kindheitsurlauben in Jesolo kennen. Alles besetzt. Die Stunden vergehen. Das
Glenmoriston Arms Hotel in Invermoriston rettet uns. Sie haben auch das, womit wir um elf Uhr Nachts nicht mehr gerechnet hätten: Steaks und genau, das Wichtigste. Die Besitzer Nik und Hazel (-burn) kredenzen uns einige exzellente Drams. Leider ist nicht genau überliefert welche. Der offene Kamin, die Herzlichkeit, die stille Gastfreundschaft, irgendwann verschwimmt alles…

Unser nächstes B & S ist Culloden House, ein restauriertes Herrenhaus unweit des Schlachtfelds von Culloden, wo die Schotten dank der taktischen Verwirrungen eines etwas femininen italienischen Zwerges eine vernichtende Niederlage hinnehmen mussten. Auch der Zwerg hatte dazumal vor der Schlacht hier genächtigt. Leider sind keine Whiskys aus der Zeit erhalten. Die Hausbar geizt nicht mit Reizen und ein rarer alter MacAllan Speymalt sowie ein Glen Grant aus den 50ern lassen die harschen Umstände in unserer bescheidenen Herberge (kein persönlicher Butler!) vergessen. Und als wäre Schottland ein Dorf stehen plötzlich Nik und Hazel in der Tür. Hochzeitstag.

Wieder ruft uns die Wildnis. Wir suchen und finden abermals ein idyllisches Tal nach der Schafmethode. Glen Lyon heißt es und der eine oder andere Wimpy’s wäre nicht schlecht, hat das Tal doch einen touristischen Knaller zu bieten, der sich nicht mehr lange dem Zustrom der Massen entziehen wird können: der Friedhof des Dorfes Fortingall, Geburtsort von Pontius Pilatus (also, das Dorf, nicht der Friedhof), Heimstatt des ältesten Baums Europas, einer Eibe, die laut einigen hiesigen Angaben 2000 und 3000 und 5000 und 7000 Jahre alt ist.

Bestens ausgerüstet mit Ardbeg Festival Editions und Bruichladdich Bloodtub Abfüllungen begeben wir uns auf eine Wanderung. Regen und Morast werden zu einem Thema und wir entlarven die grünen, niedrigen Hügel Schottlands, die man in 10 Minuten besteigen kann, als haltloses Klischee. Dennoch sind wir glücklich und finden Orte, mit denen nur unsere Malts mithalten können.

Zum Abschluss unserer Tour halten wir in Pitlochry, einem weiteren Shortbread- und Tweedshop. Hier besuchen wir die Edradour Distillery. Wir finden keinen Hinweis auf eine Procter & Gamble Abfüllanlage in der Nachbarschaft und keiner der Whiskys, die man uns anbietet, schmeckt nach Seife. Die Marketingleute von Edradour suchen ihr Heil zurzeit im
Experimentieren mit Finishes: Burgundy, Chardonnay, Sauternes, jeder Alkohol ist recht, um neue Geschmacksbomben zu basteln. Während über den Erfolg jeder selbst entscheiden soll, warten wir voll Spannung auf den von uns in Auftrag gegebenen Edradour Uhudler1 Finish.