
Prag ruft und ich eile. Peter hatte so vom besten Restaurant Prags geschwärmt, dass ich es wissen muss. Das komplette Programm, inkl. Menü, Bier, Weinbegleitung, Whisky und Zigarre – genau in dieser Reihenfolge. Nix für schwache Nerven also. Sind wir ja gewohnt.
An einer lauschigen Ecke eines kleinen Prager Innenstadtplätzchens erwartet uns abends das
La Dégustation Bohême Bourgeoise, sofort nach dem betreten werden wir freundlichst, fast herzerwärmend empfangen und zu unserem Tisch begleitet. Ab diesem Zeitpunkt passiert alles in exakt der richtigen Reihenfolge und in perfektem Tempo, wir lehnen uns entspannt zurück und genießen, wie man so einen Abend nur genießen kann.

Die Auswahl des Küchenchefs soll mit dem traditionellen Prager Schinken beginnen, doch bereits davor kommen der Reihe nach Gaumenfreuden, die schon so unglaublich sind, dass wir sofort unverschämt nachbestellen. Zuerst werden unsere Zungen mit einer leicht karamellisierten Creme verwöhnt, die aus frischem Hummer gezaubert ist. Darauf folgen Pralinen, die eine zarte Karamellcreme und ganz kleine knusprige Speck-Krammeln in dunkler Schokolade vereinen. Diese sehr gewagte, jedoch im Geschmackserlebnis überaus beeindruckende Kreation wird auf gekühltem Marmor serviert. Weiter gehts mit einem wunderbaren Beef Tartar, welches zwischen zwei knusprige hauchdünne Brotscheiben gefüllt ist, ein Traum. Der eigentliche erste Gang, gekochter Prager Schinken mit einer Art Kren-Schaum und klassischem Brot vollendet diesen ersten Durchgang.

Zu jedem Gang wird ein besonderes Schlückchen Wein kredenzt, wobei ich wirklich sagen muss, dass wir überaus überrascht von den ausschließlich tschechischen Weinen sind. In einigen Versuchen zuvor hatte ich diverse Tropfen aus Tschechien bereits probiert und war immer relativ enttäuscht, diesmal jedoch ist die Auswahl erweiternd für meinen Horizont – es gibt gute Weine in Tschechien, man muss sie nur finden. Hier würde ich übrigens die für den Wein zuständige Dame dieses Restaurants um Tipps bemühen. Sehr professionell, freundlich und charmant dürfen wir immer wieder in Weine hineinschmecken, die eigentlich nicht auf der Liste stehen. Das muss wohl Peters Stammkundenrabatt sein, jedenfalls sind wir begeistert.
Das nun folgende Süppchen vom Wildgefieder vereint sehr frisch den Geschmack von Geflügel, Wachtelei, Babykarotte und Schnittlauch in zwei unterschiedlichen Nockerln, die in ihrer Konsistenz und in Verbindung mit einer wirklich ausgezeichneten Suppe hervorragend harmonieren.
Pochiertes Entrecote vom Biorind in einer Soße aus frischen Tomaten und einem kleinen Gerstenknödel ist nun auf dem Plan. Dazu erhalten wir von unserer Weindame einen höchst anmutigen Weißwein mit überraschender Süße, wobei sie mit einem Schmunzeln meint, dass wir diesen doch unbedingt zur normalen Weinreihung probieren müssten und ihr dann mitteilen sollen, welchen wir besser gefunden haben. Nun schmunzeln wir, in kürzester Zeit hat dieser weibliche Sommelier unseren Geschmack ziemlich genau analysiert und streut nun Zugaben. Herrlich!
Es folgt eine Löffelprobe, die mit Hummereis (!) auf Kaviar das Grinsen in unseren Gesichtern nochmals verstärkt.

Rinderzunge, geräuchert im eigenen Haus, dazu Püree von der Kichererbse und gerösteter Zwiebel mit Majoran, alles wie gewohnt auf den Punkt und mit einer Geschmacksvielfalt zum verlieben.
Gleich darauf Kalbsbries mit Limonensauce, dazu Morcheln und ein wenig Schnittlauch (statt Petersil, wie auf der Karte beschrieben) ist eine in sich geschlossene und runde Sache, vielleicht mit in der Menge etwas zu viel Sauce, welche dafür jedoch eine Spur zu wenig gebunden ist. Das war sie auch schon, die einzige und auch sehr leise Kritik, fast demütig und mit sorgfältiger Andacht ausgesprochen.
Verblüfft werden wir nun von der Schnitzelversion des Chefs. Kalbsschnitzel mit Gurkensalat und Röstkartoffel haben wir so noch nie gegessen. Unglaublich. Das Kalbsschnitzel eine Offenbarung, die Röstkartoffel ein Gedicht und das Gurkengelee schmeckt exakt so wie frischer und gut gewürzter Gurkensalat von Oma, ja gibt’s das?
Bis die kleinen Buchteln mit Vanilleschaum und Eis an den Tisch kommen, verwöhnt man uns noch mit allerlei Kleinigkeiten und Leckerbissen. Den Abschluss bildet eine Pralinenpyramide zum Espresso, nur bin ich mittlerweile zu schwach, um zu fotografieren.

Bester schottischer Single Malt und eine gepflegte Zigarre lassen die Lebensgeister wieder erwachen und erst gegen 01:00 Nachts ziehen wir gemächlich, aber rundum glücklich zur Schlafstätte.
Der nächste Morgen ist geprägt von der süßen Erinnerung an jene ab sofort zum kulinarischen Pflichtprogramm zählenden Prager Institution. Vergnügt fahre ich nochmals ins Zentrum von Prag, um noch einen Blick auf die Karlsbrücke zu erhaschen und lasse mich dann von einem Schild gen Heimat leiten, das vor sehr langer Zeit einmal die Reisenden an eine längst vergangene Monarchie erinnert haben muss.
24. Juli, 2008