
Es ist etwas passiert in Wien. Etwas, das in dieser Form einerseits sicherlich schon Not tat, andererseits jedoch auch Grund für heftige Spekulationen gibt. Wieder einmal fanden sich an einem Tage (diesmal bezeichnender Weise der Karfreitag dieses Jahres) gemütliche Gesellen im Wiener
Potstill (siehe auch Link links) ein, um ihrer Leidenschaft zu frönen. Diesmal jedoch wurde eine Idee geboren, eine Idee mit Potenzial, eine Idee mit Leidenschaft, allerdings auch eine Idee mit Konsequenzen.
„So lasset uns gründen die erste Wiener Whisky Loge!“ Sehr schnell fanden sich die richtigen Personen zusammen, um etwas Grosses zu tun und der Karfreitag des Jahres 2006 ließ die Bruderschaft bereits knapp 30 Köpfe zählen, am Gründungstag. Ohne Zweifel neuer Rekord aller jemals in Österreich gegründeten Vereinigungen, die meinen, sich um Whisky kümmern zu müssen. Und dann noch mit dem schönen Leitsatz „GLEICH UNTER GLEICHEN!“ Wem da nicht die erste Träne über die Wange kullert…

Überhaupt ist ja für eine Bruderschaft unter Whisky Freunden der Leitsatz „GLEICH UNTER GLEICHEN“ ein neues, ja gänzlich unbekanntes Phänomen. Die Regel in der weltweiten Whisky Gemeinde heißt ja „Hierarchie“, also die Rangfolge von oben nach unten mit abnehmender Bedeutung von Kompetenz oder Macht. Doch was sind die Gründe, durch die sich Herr und Frau Whiskyfan in ihrer Freizeit in die vorgegebenen Schranken einer Vereinsstruktur verweisen lassen? Ist die Triebfeder das Glück der Vereinsgründung und die damit verbundene Vorstandsfunktion oder ist es die freiwillige Unterordnung in oft starre Hierarchien?

Die Wissenschaft meint, dass Vereine - als freiwillige interessenbezogene
Gruppenbildungen - einen wesentlichen Bestandteil zivilgesellschaftlicher Interessensvertretung und des politisch-sozialen Systems demokratischer Herrschaft bilden. In der internationalen Diskussion über zivilgesellschaftliche Modelle gelten sie als ein Gradmesser für das Funktionieren nationaler Gesellschaften, weil sie flexible Formen der Schaffung von Gemeinschaftsgefühl darstellen, Formen der Bürgerpartizipation und damit eine kontrollierende Gegenöffentlichkeit zu staatlichen Institutionen anbieten.
Es ist davon auszugehen, dass die durch Mitglieder freiwillig an die jeweiligen Funktionäre abgegebene Macht oft nicht in Relation zum eigentlich gewünschten Vereinsziel steht und das Gleichgewicht zwischen Machtzugeständnis und
Machtausübung vielerorts deutlich getrübt ist. Dazu kommt das erzwungene Kollektivverhalten in vor allem kleineren Gemeinden, wo jedes „Fehlverhalten“ automatisch der gedanklichen Einäscherung des Betroffenen am dorfeigenen
Maibaum gleichkommt. Und trotzdem machen alle mit…

Doch kommen wir wieder zurück zum revolutionären Gedanken der völlig gleichberechtigten Brüder in einer Loge. Es gibt keinen Vorstand, keine Mitgliedsbeiträge, keine Hierarchie und damit keinen Nährboden für die sonst übliche Clubmeierei. Der Himmel, möchte man meinen. Mitnichten. Denn das Aussetzen aller Verpflichtungen in der heutigen Zeit birgt eine Gefahr: den Stillstand. In alten Bruderschaften war der Antrieb Gott, und war er das nicht, so war der innere Druck der "Gleichen unter Gleichen" wohl so gewaltig, dass auch der faulste Bruder seinen brüderlichen Arsch in die Höhe bringen musste, wollte er nicht zeitlebens die Latrine mit bloßen Händen auslöffeln.
Silas Corp. offeriert unseren neuen Brüdern und Schwestern den brüderlichen und jedenfalls freundschaftlichen Wunsch: diese Idee ist großartig, auch wir sind nun Gleiche unter Gleichen, keine Frage. Allerdings wurde das Rad nicht nur erfunden, es fand sich auch jemand, der das Ding gebaut hat…
24. Mai, 2006